Ausgabe #3/2016 - Wissenschaft
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Was macht ein 3D-Herz auf der Buchmesse?

Die Digitalisierung erfasst die Lehre an den Universitäten. Das wird auch auf der Buchmesse deutlich. Wolfgang Öchsner erforscht an der Ulmer Universität, welchen Nutzen Immersion für das Lernen haben kann. Die Präsentation eines 3D-Projekts im Oktober auf der Messe ist für ihn eine Premiere.

Was hat die 3D-Präsention eines Herzens auf der Buchmesse zu suchen? Sie zeigt, dass sich die Verlagsbranche wandelt, dass die Vermittlung von Inhalten wichtiger geworden ist als das Medium. Und sie zeigt auch, dass man in der universitären Ausbildung neue Wege geht. Das ist ein Thema, das für die Publishing-Branche wichtig ist: Der Markt der Fach-, Lehr- und Wissenschaftsbücher, aber eben auch für digital-interaktive Angebote, boomt.

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Es ist die Medizinische Fakultät der Universität Ulm, die sich mit dem 3D-Herz auf der Messe zeigt. Oberarzt Dr. Wolfgang Öchsner, ein Kardioanästhesist, ist für das Projekt verantwortlich. Die Medizinische Fakultät der Universität Ulm arbeitet seit etwa zehn Jahren an der Verbesserung der Lehre durch digitale Techniken, sie firmiert als Kompetenzzentrum eLearning in der Medizin Baden-Württemberg.

Der Chirurg operiert, ich bin sein Navigator

Bei Operationen am Herzen erfüllt der Kardioanästhesist eine zentrale Rolle, obwohl er selbst nicht operiert. Neben der Aufrechterhaltung der Kreislauffunktionen steuert er den Ultraschall und unterstützt so den Operierenden. „Der Chirurg muss sich zu 100 Prozent auf das verlassen können, was ich sage. Er operiert, ich bin sein Navigator. Dieses Zusammenspiel braucht es in der modernen Medizin“, erklärt Öchsner diesen Teil seiner Rolle im OP-Saal. So entstand auch seine Projektidee.

Mit dem 3D-Lernprojekt will er herausfinden, ob Lehrveranstaltungen zum Thema Herz-Funktion mit stereoskopischen Darstellungen helfen können, dass die angehenden Mediziner besser verstehen, wie ein Herz aufgebaut ist und wie es sich im Ultraschall darstellt. Wo liegt der Mehrwert beim Unterricht mit der 3D-Brille? Was kann man besser, wenn man dreidimensional lernt?
Wolfgang Öchsner, Universität Ulm

Wolfgang Öchsner im OP-Saal © Universität Ulm

Der Vorstoß in die dritte Dimension darf dabei nicht zum Gimmick verkommen, sondern muss einen wirklichen Nutzen für die Studenten bringen, sagt Öchsner. Deshalb ist die Evaluation der Lehrveranstaltungen so wichtig. Schon bald will er eine neue immersive Technik testen: das Lernen mit Virtual Reality. Dabei ist Wolfgang Öchsner alles andere als ein Technik-Freak. Er besitzt nicht einmal ein Smartphone, einen Fernseher hat er auch nicht zuhause. Trotzdem forciert er das Ausprobieren der neuen digitalen Hilfsmittel. „Das sind neue Chancen für unsere Lehre, die wir auf keinen Fall vernachlässigen dürfen“, sagt Öchsner.

Bei dem 3D-Projekt arbeitet er mit der Firma imsimity aus St. Georgen im Schwarzwald zusammen. Sie gilt als Wegbereiter in den Bereichen Virtual Reality und Augmented Reality, imsimity hat schon vor einigen Jahren den „Cyber Classroom“ entwickelt. Eingebunden in das Projekt ist aber auch der Wissenschaftsverlag Elsevier.

Dieses Projekt ist visionär

Aus bereits vorhandenen Elsevier-Inhalten konnte Öchsner ein begleitendes Curriculum erstellen, das genau zu dem Seminar passt – maßgeschneidert mit Verlinkungen zu Hintergrundinfos, Anschauungsmaterial, Audio-Dateien und vielem mehr. „Dieses Projekt ist wirklich visionär“, lobt Öchsner die Initiative des Fachverlags. Für ihn wäre es, würde diese Vorgehensweise zum Standard, das perfekte digitale Lehrbuch der Zukunft. „Das eine medizinische Curriculum gibt es schon lange nicht mehr, jede Fakultät hat heute eigene Reihenfolgen beim Lernen, eigene Schwerpunkte, eigene Arten und Weisen, die Dinge zu verknüpfen“, erklärt er. „Auch ein auf komplexe 3D-Drucke spezialiertes Unternehmen, German Machine Parts, hat seine Unterstützung angeboten. So lassen sich die unterschiedlichsten Lehrmedien zusammenführen“, sagt Öchsner. „Das ist ein sagenhafter neuer Ansatz.“

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Wie läuft die Entwicklung grundsätzlich? Wird das Lehrbuch, wie wir es kennen, verschwinden und durch digitales Lernen ersetzt? Wolfgang Öchsner glaubt nicht daran. „Eine Zeitlang hatten die Verlage wirklich Panik, dass das klassische Buch wegstirbt. Jedem Buch wurden plötzlich CDs mit eLearning-Angeboten oder Zusatzinformationen, die es online gibt, hinzugefügt, oft um ihrer selbst willen. Doch Studenten lernen heute noch immer am liebsten mit klassischen Lehrbüchern, gerne auch in Papierform. Die Domäne des digitalen Lernens liegt derzeit hingegen in der raschen Wiederholung des Stoffs, im raschen Nachschlagen und in der direkten Prüfungsvorbereitung.“ Einen unkritischen eLearning-Boom, wie er etwa in den Vereinigten Staaten gerade herrscht, wünscht sich Öchsner nicht. „Das vorsichtige Rangehen ist nicht schädlich“, sagt er.

Zweigleisig fahren, das ist seine Devise. Für den UTB-Verlag hat er gerade – gemeinsam mit Cornelia Estner – ein klassisches, lineares Buch geschrieben: „Prüfungen erfolgreich bestehen in den Life Sciences“. Mit dem Team des Kompetenzzentrums eLearning in der Medizin wird er demnächst an der Entwicklung einer Content-App arbeiten, die es Hochschullehrenden ermöglichen soll, auch ohne besondere IT-Kenntnisse eine App mit individuellen Lehrinhalten erstellen zu können. Und zusammen mit dem pädagogischen Lehrstuhl der Universität Regensburg plant er für Studieneinsteiger die Entwicklung einer App zum selbstregulierten Lernen.

Sein Besuch auf der Frankfurter Buchmesse ist für Wolfgang Öchsner eine Premiere. Obwohl er in Bücher vernarrt ist, hat er die Messe bislang noch nicht besucht. Was erhofft er sich dort? „Dass das Thema Bildung solch eine zentrale Rolle auf der Messe spielt, hat mich überrascht und erfreut. Ich möchte mit Verlagen und Technikern ins Gespräch kommen. Ich hoffe, dass ich mit Menschen, die ähnliche Ideen haben, ein Netzwerk aufbauen kann, dass Kontakte entstehen, die bleiben werden. Denn der Bereich, in dem wir uns engagieren, ist nichts für Einzelkämpfer.“