Top Stories 2017 - Inspirationen zu den Publishing-Trends des Jahres
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Studienreise nach Deutschland für südostasiatische Lektoren

Eine spannende Reise, neue Orte, internationalen Austausch und viele neue Begegnungen.

WENN ICH NICHT HARTNÄCKIG GEBLIEBEN WÄRE,

dann hätte ich heute keine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte darüber, wie meine Liebe zur Kinderliteratur noch stärker geworden ist – dank einer Studienreise für Lektoren von Kinderliteratur aus der ASEAN-Region, die von der Frankfurter Buchmesse veranstaltet wurde.

Text: Cindy Poh / Fotos: Dang Thanh Giang

Als ich erfuhr, dass ich nicht für das Reisestipendium ausgewählt wurde, war ich kurz davor aufzugeben. Es ging um eine Studienreise für Lektoren von Kinderliteratur aus der ASEAN-Region, organisiert von der Frankfurter Buchmesse. Eine Finanzierung der Reise aus eigener Tasche wäre sehr schwierig geworden, hätte ich mich dennoch für eine Teilnahme entscheiden.

Eine Stimme in meinem Inneren ermunterte mich also dazu, nicht aufzugeben, bevor ich nicht alles versucht hatte. Gelegenheiten wie diese bieten sich schließlich nicht oft. Ich schrieb also an die Organisatoren und bot ihnen an, über die Studienreise zu berichten – als Gegenleistung für ein Reisestipendium. Daraufhin erhielt ich eine E-Mail mit dem Betreff „Reisestipendium für die Studienreise“. Ich öffnete sie und las: „Liebe Cindy, wir freuen uns Dir mitzuteilen, dass die Frankfurter Buchmesse Dir mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes ein Stipendium anbieten kann, zur Abdeckung Deiner An- und Abreisekosten nach bzw. aus Deutschland.“

Diese Antwort war wie ein Wunder für mich und in diesem Moment wurde mir klar, dass Engel tatsächlich existieren. Nach der Zusage fiel ich Niki Theron, Manager International Projects bei der Frankfurter Buchmesse, nahezu täglich mit meinen Fragen „auf den Wecker“. Sie war so freundlich alle zu beantworten und übernahm außerdem die Verhandlung meines Reisestipendiums mit dem zuständigen Ausschuss. Für mich ist sie wirklich ein Engel.

Auf diesem Bild ist Niki Theron, Manager International Projects bei der Frankfurter Buchmesse, meiner Ansicht nach besonders gut getroffen. Sie war für uns nicht nur eine gewissenhafte Reiseleiterin in Deutschland, sondern auch unermüdlich darum bemüht, dass es uns an nichts fehlte. Auf unserer Reise war sie uns Freundin und Inspiration zugleich.

Wenn ich nicht hartnäckig geblieben wäre, hätte ich all die Wunder verpasst, die der deutsche Buchmarkt und seine reiche Kinderliteratur zu bieten haben. Einige der unvergesslichsten und wichtigsten Highlights möchte ich hier gerne teilen:

Unser Besuch bei Korn und Berg, der ältesten Buchhandlung in Deutschland, die im Jahre 1531 gegründet wurde

Was mir dabei besonders gefallen hat: Es war surreal, eine Buchhandlung zu betreten, die bereits seit dem 16. Jahrhundert existiert.

Unser Treffen mit Helga Uhlemann vom Tessloff Verlag

Was mir dabei besonders gefallen hat: Es ist großartig, dass Helga Uhlemann, Communications & International Business Director beim Tessloff Verlag, seit nunmehr fast 30 Jahren für den Verlag tätig ist. Es war inspirierend zu hören, mit welcher Leidenschaft sie nach wie vor für die Bücher des Verlages brennt.

Ein Besuch in der Buchhandlung Thalia in Nürnberg, Deutschland

Unser kurzer, allerdings sehr interessanter Besuch im Literaturhaus in Hamburg

Was mir dabei besonders gefallen hat: Mein erster Besuch in einem Literaturhaus! Es war sehr aufschlussreich zu erfahren, welche Literaturveranstaltungen für die Stadtbewohner angeboten werden.

Renate Reichstein

Das Vergnügen, Renate Reichstein, Foreign Rights Director der Oetinger Verlagsgruppe, kennenzulernen

Was mir dabei besonders gefallen hat: Renate Reichsteins umfassendes Wissen und ihre Einblicke in den deutschen Buchmarkt und seine Geschichte. Sie ist wahrhaft eine großartige Geschichtenerzählerin!

Unser Treffen mit Nina Horn vom Aladin Verlag aus Hamburg

Was mir dabei besonders gefallen hat: Der Verlag ist zwar nicht sehr groß, aber das hält sein Team nicht davon ab, umwerfende Bücher zu verlegen – z.B. eine Nacherzählung der Märchen der Brüder Grimm mit Illustrationen von Shaun Tan oder ein erfrischendes Buch mit dem Titel „Das Beste von Allem“, das Ähnlichkeit mit einem Katalog hat.

Die Geschichte der Pixi-Bücher des Carlsen Verlags kennenzulernen

Was mir dabei besonders gefallen hat: Die Reise war mein erster Besuch in Deutschland und so war ich ziemlich überrascht, als mir in nahezu jeder Buchhandlung eine entzückende Waldkobold-Figur namens Pixi begegnete, die einen großen transparenten Teller in der Hand hielt mit kleinen Leseheftchen für Kinder. Das Geheimnis um Pixi wurde bei unserem Treffen mit Sylvia Schuster vom Carlsen Verlag gelüftet. Sie erzählte uns von der Erfolgsgeschichte der Pixi-Bücher und davon, wie es dem Verlag gelingt, mehr als 30.000 Pixi-Bücher pro Tag zu verkaufen!

Sich von Heike Rogler, Eventmanagerin im Bereich Leseförderung, inspirieren zu lassen

Was mir dabei besonders gefallen hat: Zu erfahren, wie Heike Rogler die Begeisterung fürs Lesen bei Kindern fördert. Der Fantasie sind hierbei einfach keine Grenzen gesetzt!

Präsentation von Philipp Knodel zum digitalen Lesen

Das Vergnügen, das Arbeitsatelier von Illustratorin Antje von Stemm zu erkunden

Was mir dabei besonders gefallen hat: Als wir das Arbeitsatelier der Illustratorin Antje von Stemm besucht haben, ging für mich ein Traum in Erfüllung. Ich wollte schon immer wissen, wie es in einem solchen Atelier aussieht! Antje von Stemm führte uns persönlich durch die Räume – vom Zeichentisch bis zu ihrer Küche!

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn das sind nur einige der WUNDER des deutschen Buchmarktes und der Kinderliteratur, an denen wir teilhaben durften.

Wenn ich nicht hartnäckig geblieben wäre, dann hätte ich auch die Chance verpasst, elf unglaublich inspirierende Lektoren kennenzulernen.

Aufgrund meiner Arbeit und meiner Erfahrungen in der Vergangenheit kenne ich viel mehr Nachrichtenredakteure aus den Bereichen Bildung, Unterhaltung, Sport oder Frauen als Lektoren von Kinderliteratur (von Lektoren speziell aus der ASEAN-Region ganz zu schweigen). Die Möglichkeit, während der Studienreise elf Lektoren aus sieben verschiedenen Ländern kennenzulernen, war eine zutiefst beeindruckende Erfahrung für mich.

Sie alle lehrten mich zwei wichtige Lektionen: Bewahre dir deine Neugier und liebe den Bereich, in dem du arbeitest (in unserem Fall ist das die Welt der Kinderliteratur).

Die Neugier meiner Mitreisenden für die Kinderliteratur und alles was damit zusammenhängt ist endlos! Ich erinnere mich sehr gut daran, wie Eugene Y. Evasco aus den Philippinen sich bei Niki Theron erkundigte: „Kann ich eine Frage stellen? Kommen Hamburger aus Hamburg?“  Für mich ist das die reinste Form der Neugier. Alle Lektoren im Kinderbuchbereich sollten darüber verfügen!

Insbesondere fand ich es magisch, wie wir eine Verbindung zueinander entwickelt haben. Wir sprachen eine gemeinsame Sprache, die uns allen vertraut ist – die Sprache der Kinderliteratur. Es fühlt sich so gut an, wenn man etwas, das man so sehr liebt, mit jemandem teilen kann, der es versteht – wie mit einem Seelenverwandten oder, wie wir es in der Bücherwelt nennen, einem „Buchverwandten“. Solche Menschen sind so selten wie Edelsteine. Doch wenn man sie findet, machen sie unser Leben farbenfroher.

Nur gemeinsam vollständig: die Teilnehmer der Studienreise nach Deutschland 2017 – der allerersten für südostasiatische Lektoren von Kinderliteratur

Wenn ich nicht hartnäckig geblieben wäre, hätte ich nie erfahren, wie wertvoll Südostasien ist.

Ich kannte Myanmar, Vietnam, Indonesien, die Philippinen, Thailand und Singapur nie wirklich – nicht so, wie ich es jetzt dank der anderen Teilnehmer der Studienreise tue. Ich habe durch sie so viel über jeden einzelnen dieser Buchmärkte erfahren, aber auch über die Region Südostasien in ihrer Gesamtheit. Hier einige Schlüsselerkenntnisse:

  • Vietnam und Indonesien sind die zwei am schnellsten wachsenden Märkte für Kinderliteratur in Südostasien. Sie haben Titel aus dem Ausland erworben und in ihre Sprache übersetzt. Die Länder haben außerdem die Rechte ihrer eigenen Titel an große Verlage in Deutschland verkauft und sogar einige Preise gewonnen.
  • Obwohl bestimmte Themen in Südostasien nach wie vor als heikel gelten, wagen sich viele Verlage inzwischen in unbekanntes Terrain vor und veröffentlichen vielfältigere Bücher als früher.
  • In Myanmar herrscht weniger Zensur als in den Nachbarländern.
  • Singapur hat begonnen, den Schwerpunkt auf die Herstellung regionaler Titel von regionalen Autoren zu legen, was sich in Kampagnen wie #BuySingLit zeigt.

In vielen Bereichen kann Südostasien sich immer noch steigern und von Ländern wie Deutschland lernen, aber es ist beruhigend zu wissen, dass wir uns tatsächlich vorwärts entwickeln.

Das ASEAN-Team: Wir sind auf einem guten Weg!

Sechs Tage auf Studienreise erscheinen kurz, aber die Zeit genügt, um dauerhafte Freundschaften aufzubauen, tiefe Eindrücke zu den unterschiedlichen Buchmärkten zu gewinnen und neue Netzwerke zu schaffen. Vor allem aber hat die Reise unsere Liebe zur Kinderliteratur vertieft.