Top Stories 2017 - Inspirationen zu den Publishing-Trends des Jahres
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„Sie müssen kein Comic-Experte sein, um Spaß an Comics zu haben“

Comics und Graphic Novels gehören seit Jahren zum Auftritt des FBM-Ehrengasts dazu.

Frankreich wird diese Tradition 2017 fortsetzen und ebenfalls ein besonderes Augenmerk auf dieses Genre richten.In unserem Interview gewährt uns Mathieu Diez, Koordinator des Comic-Programmes und Direktor des Comic-Festivals Lyon BD, einen kleinen Ausblick auf das, was uns im Oktober erwartet.

fbm: Herr Diez, mit welchen Highlights können wir auf der Buchmesse im Oktober rechnen?

Mathieu Diez: Die Künstler selbst sind eins der Highlights. Denn einige der wichtigsten französischen Comic-Künstler werden auf der Buchmesse anwesend sein. Unter anderem: Riad Sattouf, Pénélope Bagieu, Albertine, Zeina Abirached, David Vandermeulen sowie Didier Conrad und Jean-Yves Ferri, das neue Autorengespann von Asterix. Einer unserer Schwerpunkte liegt auf Originalarbeiten.

Ehrengast Frankreich

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Die Ausstellung im Pavillon des Ehrengastes wird beispielsweise zahlreiche Originalwerke von französischen Künstlern aus den letzten 20 Jahren präsentieren. Kuratiert wird sie von La Cité de la Bande Dessinée in Angoulême. Die Ping Pong-Initiative, gegründet von Lyon BD, präsentiert Kreationen und Reportagen rund um das Thema Buchmesse von Künstlern aus Frankreich, Belgien, der Schweiz und Deutschland. Die ersten Stücke finden Sie hier: www.frankfurt2017.com Außerdem werden wir auch in Frankfurts Stadtzentrum präsent sein, zum Beispiel mit der Ausstellung „Kartografie der Träume – Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu“ im Museum Angewandte Kunst.

fbm: Nehmen wir an, Sie müssen sich entscheiden: Welche drei Comic-Künstler und Sub-Genres sind Ihre Favoriten?

Mathieu: Ich kann natürlich nicht sagen, wer meine Top drei Künstler sind. Denn damit würde ich die 1.997 anderen Künstler, die ich kenne, enttäuschen – da ihr Name unerwähnt bleiben würde. Ich verrate Ihnen aber gerne meine drei Lieblingsgenres. Viele lesen Comics das erste Mal in ihrer Kindheit und bewahren sich dann die Liebe zu diesem Sub-Genre, das ihnen in jungen Jahren so viel Freude bereitet hat. So ist es auch bei mir – mit „Tim und Struppi“ und „Asterix“. Im Laufe der Zeit begann ich mich dann für Graphic Novels zu begeistern. Jeder in der Comic-Szene wird Ihnen erklären, dass Graphic Novels keine neue Stilrichtung sind. Aber erst durch dieses „erwachsener“ wirkende Sub-Genre entstand eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber Comics seitens der öffentlichen Institutionen.

Tatsächlich sind Graphic Novels auch Comics, sie befassen sich nur mit Themen, die von den älteren Sub-Genres nicht wirklich abgedeckt wurden. Dank Graphic Novels interessieren sich mehr Menschen für Comics und das ist großartig. Ich bin ein Fan von Reportagen in der Ich-Form, zum Beispiel Mathieu Sapins Buch „Gérard – Cinq années dans les pattes de Depardieu” („Gérard – Fünf Jahre in den Fußstapfen von Depardieu“). Sapin nahm sich 5 Jahre Zeit, um Gérard Depardieu kennenzulernen. Der Comic erzählt die Geschichte aus seiner Perspektive. In „Les nouvelles de la Jungle de Calais” („Nachrichten aus dem Dschungel von Calais“) erzählt die Künstlerin Lisa Mandel von ihren Erfahrungen im Flüchtlingslager „The Jungle“ von Calais. Sie zeichnete dort sechs Monate lang ihre Erfahrungen auf.

Die Reportage ist ebenfalls kein neues Sub-Gerne, aber ein aktuell boomendes. Letztlich sind Comics einfach ein Medium, das zudem nicht zwangsläufig nur der Unterhaltung dient. Viele Leute haben das Gefühl, sie müssten sich mit Comics auskennen, um sie zu lesen. Sie denken, Comics sind nur etwas für „Geeks“. Ich erinnere sie dann gerne daran, dass man auch kein Filmexperte sein muss, um gerne ins Kino zu gehen – dasselbe gilt auch für Comics. Probieren Sie es einfach aus, es wird Ihnen gefallen. Comics sind Kunstwerke und jeder Künstler nutzt die Leinwand auf unterschiedliche Art und Weise.

fbm: Comic-Künstler und ihre Arbeiten nehmen inzwischen eine zentrale Stellung in Kulturausstellungen und –programmen ein. Was führte Ihrer Meinung nach zu diesem Wandel?

Mathieu: In den 70er-Jahren, der sogenannten goldenen Ära des Comics in Frankreich, kreierten große Künstler Comics wie „Tim und Struppi“ und „Asterix“. Doch diese Comics bestärkten ein Klischee: Comics sind lustig, nur für Kinder geeignet und außerdem keine wirkliche Literatur. Dieser Irrtum hielt sich lange. Mit den Jahren aber, besonders in den 1990ern, griffen Künstler neue Themen und Stilrichtungen auf und bereicherten den Comic um eine neue Dimension. Heute passiert eine ganze Menge: Comics gelten als Medium und als Kunstform. Als Medium sind sie in Tageszeitungen, im Fernsehen, in Form von Reportagen oder Initiativen wie Ping Pong zu finden. Comics zeigen die Sicht eines Künstlers auf die Dinge. Sie existieren als Bücher oder sind in Museen ausgestellt. Comics erzählen eine Geschichte, aber diese Geschichte muss nicht fiktiv sein.

fbm: Comics waren schon immer sehr politisch und haben aktuelle Entwicklungen reflektiert. Wie wichtig ist die Auseinandersetzung mit Themen wie Gender, ethnische Herkunft und Religion für die Zukunft dieses Genres?

Mathieu: Zurückblickend auf die Geschichte des französischen Comics, von 1950 bis 1970, richteten sich Comics vor allem an Jungs. Von den Mädchen wurde erwartet sich anderweitig zu beschäftigen. Diese Auffassung hielt sich lange aufrecht. Zum Glück hat sich das geändert und Künstlerinnen nutzen das Comic-Gerne inzwischen genau so selbstverständlich wie ihre männlichen Kollegen. Die aktuelle Comic-Szene vereint viele unterschiedlichen Künstler, Themen und Stilrichtungen. Dadurch haben Comics ein neues Niveau erreicht. Sie bilden unsere Wirklichkeit ab, sind reifer und erwachsener geworden. Ich denke, das ist erst der Anfang.