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Eine belgische Autorin erobert Deutschland

In den letzten Monaten tourte Saskia de Coster durch Deutschland. Im Interview erzählt sie von ihrem Roman „Wir & ich“, ihrer persönlichen Arbeitsweise sowie von den Unterschieden, die sie zwischen Deutschland und ihrem Heimatland bemerkt hat.

fbm: Saskia, „Wir & ich“ ist Ihr erster Roman, der in Deutschland veröffentlicht wurde – und das, obwohl Ihre Bücher in der Vergangenheit bereits in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurden. Haben Sie den Eindruck, dass das Ehrengast-Programm mit dem Fokus auf Flandern und die Niederlande die Übersetzung vorangetrieben hat?

Ehrengast

Flandern und die Niederlande präsentieren sich gemeinsam auf der Buchmesse. Eine Liste mit allen Neuerscheinungen, die ins Deutsche übersetzt wurden, findet sich auf der Seite des Ehrengasts.

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Saskia de Coster: Ja, da bin ich mir sicher. Es gab gleich mehrere deutsche Verlage, die Interesse an den Rechten von „Wir & ich“ bekundeten. Auf einer Verlagstour, die von der Niederländischen und Flämischen Stiftung für Literatur organisiert wurde, hatte ich die Gelegenheit mit mehreren deutschen Verlagshäusern zu sprechen und ihnen meinen Roman persönlich vorzustellen. Diese Tour gehörte zu den Auftaktaktivitäten anlässlich des Ehrengastauftritts von Flandern und den Niederlanden. Dabei führte ich ein tolles Gespräch mit Michael Zöllner, dem Verleger des Tropen Verlags – nicht über belgische Waffeln, sondern über Literatur und Art Nouveau.

fbm: Ihr Roman wurde in Deutschland vom Tropen Verlag publiziert, dem Imprint von Klett-Cotta. Tropen steht für urbane Literatur und popkulturelle Themen. Haben Sie sich ganz bewusst für diesen speziellen Verlag entschieden? Wie passt die Geschichte über das isolierte Leben einer wohlhabenden, in einer Villa lebenden Familie zu Tropen?

Saskia de Coster: Ich wollte einen persönlichen Roman schreiben mit einem zeitgenössischen Charakter. Ich finde, unsere heutige Welt ist viel zu interessant, um nicht darüber zu schreiben. Da Tropen diese Auffassung teilt und einen fairen Vorschuss gezahlt hat, habe ich mich ganz bewusst für diesen Verlag entscheiden.

fbm: Was fasziniert Sie am meisten an dem Genre der Familiensaga?

Saskia de Coster: Der Drang „Wir & ich“ zu schreiben, entstand in einem Moment, als ich mich selbst etwas sagen hörte, das so klang, als hätte meine Mutter durch mich hindurch gesprochen. Das war absolut schockierend, da wir sehr unterschiedlich sind.

Wir sind alle nicht einfach vom Baum gefallen, sondern wurden geboren. Deshalb treiben jeden von uns Fragen zu unseren Wurzeln und unserer Familie um. In „Wir & ich“ ringt eine Familie aus der Oberschicht mit alten Traditionen, Erwartungen und den Strukturen einer wohlhabenden Gemeinschaft. Die Hauptfigur Sarah versucht ihr eigenes Leben zu leben, ist aber aufgrund ihrer Herkunft und ihrer genetischen Veranlagung gefangen.

Bei einem Familienroman hat man das große Ganze im Blick und somit viel mehr als nur ein „Ich“, ein einzelnes Individuum. Es ist ein universelles und absolut unmögliches Genre über ein großes „Wir“. Jede Familie ist eine eigene Welt für sich – eine Verdichtung, so wie die Literatur eine ist. In „Wir & ich“ steht die wohlhabende, konservative Familie für eine unter Druck stehende Gesellschaft. Wir teilen Geheimnisse, Leidenschaften und sind uns doch fremd, da wir so nah aneinander gedrängt leben. Familiensagen skizzieren untragbare Situationen, die überwunden werden müssen. In anderen Worten, sie sind der Situation in Westeuropa nicht sehr ähnlich und somit idealer Stoff für einen großen, epischen Roman.

fbm: „Wir & ich“ war 2013 in Belgien ein Bestseller und hat sogar „50 Shades of Grey“ von der Spitze verdrängt. Hat Sie das überrascht?

Saskia de Coster: Es hat mich überrascht, dass „50 Shades of Grey“ so enorm populär war, obwohl es keiner gelesen hat.

fbm: Im Rahmen des Ehrengast-Programms haben Sie in den letzten Monaten verschiedene deutsche Städte besucht. Wie unterscheidet sich die belgische Buchszene von der deutschen? Sind Ihnen irgendwelche Besonderheiten aufgefallen?

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Saskia de Coster: Es wurde mir zuvor oft erzählt, aber dennoch hat es mich vollkommen erschüttert und zwar auf positive Weise, dass die deutschen Leser bei einer Lesung tatsächlich Literatur erwarten. Ich hatte die Ehre gemeinsam mit Connie Palmen zur lit.COLOGNE eingeladen zu werden. Mir wurde gesagt, die Veranstaltung würde auf einem Schiff stattfinden. Überraschenderweise fanden wir uns dann auf einem Kreuzfahrtschiff wieder und lasen vor 700 wirklich aufmerksamen Zuhörern. In Flandern hätte das Publikum das Schiff wohl schon nach zehn Minuten zerstört. Ich erlebte hier also, dass Literatur auch ohne zusätzliches Entertainment angenommen wird, ganz im Sinne der Idee von Bildung und zudem eine große Aufgeschlossenheit gegenüber experimentellen Dingen besteht, so wie meinen Performances mit der Musikerin Inne Eysermans. Es ist bemerkenswert, wie interessiert und aufgeschlossen insbesondere das Publikum in Kleinstädten ist. Und als ich den gesamten Juni im Literarischen Colloquium in Berlin-Wannsee mit seinen wundervollen Biergärten verbracht habe, tauschte ich sogar den Wein für Hefeweizen ein.

fbm: Die Frankfurter Buchmesse ist bekannt für ihre legendären After-Hour-Partys. Freuen Sie sich schon auf einige davon und haben Sie bereits Pläne für die Zeit nach der Messe?

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Saskia de Coster: Ich freue mich schon sehr auf die Partys und bereue es zugleich jetzt schon, dass ich kaum bei einem Bruchteil davon dabei sein kann. Ich habe schon meine Vorräte an Vitaminpillen aufgestockt, da ich vor und nach der Buchmesse noch viel auf Tour sein werde. Danach werde ich nach Antwerpen zu meinem Kerngeschäft zurückkehren: schlafen, schreiben und meinem Mops von der Frankfurter Buchmesse erzählen.

fbm: Sie sind Autorin, Drehbuch- und Songschreiberin, Journalistin und Künstlerin. Sind sie vor allem in der Autorenszene unterwegs oder ist ihr Netzwerk vielfältiger?

Saskia de Coster: Ich bin keine Journalistin, obwohl ich eine Kolumne schreibe und ich bin keine Künstlerin, auch wenn ich als Kind immer so getan habe als ob. Neben dem Schreiben von Romanen, arbeite ich mit bildenden Künstlern und Musikern zusammen. Ich gehöre zu einer Art Kollektiv, das sich „Andermansland“ nennt. Wir suchen nach neuen Möglichkeiten, Literatur in den öffentlichen Raum oder auf Festivals einzubinden, z. B. durch Audio-Performances oder Installationen, wie der Darstellung einer Geschichte in Form einer Straßenkreuzung.

Ich habe also durchaus nicht nur Kontakt zu Autoren. Zu meinem Netzwerk gehören auch Wissenschaftler und Eltern mit kleinen Kindern, die gerne mit Autos spielen.

Veranstaltungen mit Saskia de Coster

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fbm: Welche Marketingaktivitäten nehmen Sie gerne selbst in die Hand und welche vertrauen Sie lieber Ihrem Verlag an? Nutzen Sie beispielsweise soziale Netzwerke, um Ihre Bücher zu promoten?

Saskia de Coster: Beim Schreiben bin ich eine Einsiedlerin. Ich mache mein Ding, weit weg von jeglichen sozialen Netzwerken. Ich schotte mich ab, da das Schreiben für mich von Natur aus, eine nach Innen gerichtete und keine „soziale“ Tätigkeit ist. Aber sobald das Buch draußen ist, unterstütze ich es gerne bei seinem Weg hinaus in die Welt. Für „Wir & ich“ habe ich zum Beispiel das „project 397“ ins Leben gerufen. Dafür habe mich selbst oder eine andere Person an 397 aufeinanderfolgenden Tagen beim Vorlesen einer Seite aus dem Buch gefilmt und das jedes Mal an einem anderen Ort. Im Rahmen dieses Projekts haben Menschen wie Ruby Wax, Hermann Koch und ein indonesischer Reisfarmer laut aus „Wir & ich“ vorgelesen.